15. Bauübungen und Prämien

Wir wurden in der Bevölkerung sehr oft mit den “Bausoldaten” (Spatensoldaten) verwechselt. Diese waren aber Waffendienst-Verweigerer und ihre Schulterstücken wurden zur Erkennung damals mit einem goldenen Spaten “geschmückt”. Ab den 80er Jahren war der nur noch silbern und auf “Felddienst” sogar nur grau.

Wir aber waren gehorsame Staatsbürger, normale Soldaten “Baupioniere”, keine Verweigerer, wurden dafür aber oft schlimmer als diese erniedrigt. Wir hatten keine Lobby, keine Kirche im Rücken, die auf die Wahrung unserer Menschenrechte pochte.

Die “Spatensoldaten” hatten eine Woche Arbeitsdienst an beliebigen Brennpunkten der Volkswirtschaft und zwar ohne Waffen, dann in der Regel eine Woche Innendienst. Unseres Wissens hatten sie bedeutend öfter Heimaturlaub. Doch das alles, mit Stand 1970/71, ist Hörensagen…

Für mich hießen unsere strapaziösen Bauübungen Verzicht auf jegliche Freizeit, Ausbeutung meiner Arbeitskraft bis zum Verschleiß. Da wir aber alle vom Bau kamen, war uns körperliche Arbeit schon wesentlich vertrauter als so manchem “Spatensoldaten”. Die werden es oft schlimmer empfunden haben.

Pervers empfanden wir folgende Regelung:

Für jede arbeitsschutzmäßige oder gesundheitliche Beeinträchtigung gab es Zuschläge. Aber nicht für Soldatendienstgrade. Die Zuschläge wurden nur an Offiziere ausgezahlt. Uns, denjenigen die dem Dreck und den Gefahren ausgesetzt waren, wurde nicht ein Pfennig dafür zugestanden. Es gab allerdings für jeden, aber selbstverständlich wieder nach Dienstgrad gestaffelt, bei Planerfüllung einen monatlichen Zuschlag.

Soldaten konnten um die 40.- Mark erhalten. Offiziere, die selbst aber nie körperlich arbeiteten (also unsere “Wärter”), erhielten Traumgehälter und zusätzlich mehrere Hunderter Prämie pro Monat, plus besagter Gefahrenzulage.

Ich war nun auf der Baustelle die meiste Zeit damit beschäftigt Tür-Laibungen und Fenster-Faschen zu putzen, darin war ich durch meine Arbeit im WBK Quedlinburg geübt. So habe ich mit einem weiteren Pionier nachdem die Fensterreihen von der 3. Kompanie eingebaut waren, alle äußeren Fensterstürze an diesen beiden Kasernen-Blöcken großteils allein verputzt. Das waren gut und gern 1.500 Meter. Auch tagelang Beton schippen stand auf dem Plan. Ebenso Gasbetonsteine vermauern und maschinelles Wände verputzen (darauf komme ich im nächsten Kapitel noch mal ganz kurz zurück).

Kasernen-Blöcke

In unseren Anfangszeiten haben wir durch unsere Ahnungslosigkeit perfekt funktioniert, es gab die besagten Prämien. Doch als uns unsere persönliche Lage immer bewusster wurde und die gegen uns gerichteten Repressalien ins Uferlose mündeten, wurden zwangsläufig Widerstände in uns geweckt und Leistungen geringer. So versiegte recht schnell das zusätzliche halbe Monatsgeld.

Um dem Leistungsverfall entgegen zu wirken, straffte sich kausal die Anzahl der Bauübungen. Ein Teufelskreis begann, der so nicht enden konnte. Jetzt ging man dazu über, nur noch einzelne Bestleistungen zu prämieren. Und so verkündete jeden Morgen aus Leibeskraft unser Funkfreund aus dem Lautsprecherwagen, wer wohl am Vortag der Fleißigste war.

An 7 "Übungstagen" war es 6 mal der gleiche Soldat. Wolfgang B. verlegte fast im Alleingang in der 3. und 4. Etage des ersten Kasernen-Neubaus Terrazzoplatten im Flur. Zwar wurde er nun als “Kratzer” verhöhnt, bekam aber jedes Mal 50.- Mark. Für ihn hat es sich gelohnt, dass er zuvor Adolf Hennecke1 studierte. (Eingeweihte und ältere DDR-Jahrgänge kennen ihn noch – er hat in den 50er Jahren unter Tage die Normen versaut.)

Die Allerfleißigsten des gesamten Bataillons bekamen Extraauszeichnungen. So durfte der Zweitbeste mit bis zu 3 Tagen Sonderurlaub rechnen. Unser Kamerad Wolfgang B. erhielt einmal die allerhöchste Auszeichnung, also mehr noch als den Sonderurlaub: Er wurde im Stabsflur vor der Truppenfahne fotografiert! Der hat blöd geguckt, ich meine nicht auf dem Foto! Von mir gibt es übrigens kein Bild…

Nun aber genug, mir tut in der Erinnerung schon wieder mein Rücken weh. Und dabei habe ich tierische Angst vor einem Buckel …

Mittwoch, Dezember 16, 2009